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Gibt es einen Hörfunk nach UKW?

Von Dr. Stephan Ory, Püttlingen/Saar

Der folgende Text wurde im Hörfunk-Jahrbuch 1998 (VISTAS Berlin) veröffentlicht.

 

Was ist Hörfunk? - Im immerhin fünften Hörfunk-Jahrbuch muß diese Frage endlich einmal gestellt werden. Je nachdem, ob ein Publizist, ein Wirtschaftswissenschaftler oder vielleicht ein Jurist sich mit einer Antwort versucht, würde sie recht unterschiedlich ausfallen. Keine Angst: der Rundfunkdefinition soll an dieser Stelle nicht ein weiteres Mal literarisch ein Denkmal gesetzt werden. Es geht vielmehr darum, das zu beschreiben, wodurch sich die Gattung Hörfunk auszeichnet. "Wo liegt der USP?" würde vielleicht ein Betriebswirt fragen und die Fragestellung an die Wand projizieren, um die Tragweite zu unterstreichen.

Rz. 1

Was also ist Hörfunk? Da wird es schwierig. Selbst jene Landesmediengesetze, die sonst in den Begriffsbestimmungen ziemlich alles definieren, unterstellen einen unumstößlichen Hörfunk-Begriff. Den Damen und Herren Gesetzgebern ging es wie uns allen - der Versuch einer Beschreibung ist schwierig: Hörfunk ist, wenn in einem räumlich abgegrenzten Gebiet beliebig viele Menschen zeitgleich, mit geringem Aufwand und oft mobil zuhören können, wobei sie dies meist nur nebenbei tun. Wichtige Einzelmerkmale des Hörfunks sind:

Rz. 2

  • mobile und portable Nutzung,
  • oft als Nebenbeimedium,
  • hohe Aktualität,
  • journalistisch mit vergleichsweise geringem technischen Aufwand zu gestalten,
  • räumlicher, meist lokaler oder regionaler Bezug,
  • zunehmende Zielgruppensegmentierung.

Rz. 3

Anfang 1998 waren die Privatfunkvertreter in der Arbeitsgruppe Initiative Digitaler Rundfunk der Bundesregierung im Bundeswirtschaftsministerium dazu aufgerufen, den Sterbezeitpunkt des so verstandenen Hörfunks auszurufen. In Deutschland sollten UKW-Sender rigoros abgeschaltet werden - 2015, 2020 oder 2025, wie hätten sie es gerne? Die Aussage der Privatradio-Vertreter, sie würden ungern die Abschaffung der eigenen Auftraggeber beschließen, löste bei dem einen oder anderen ungläubiges Staunen aus, welches sich noch steigerte, als erkennbar wurde, daß auch öffentlich-rechtliche Radiomacher das Ende von UKW noch nicht für gekommen sahen. Als dann auch noch Vertreter der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) erklärten, nach ihrer Meinung könne die analoge UKW-Versorgung in der Zukunft noch verbessert werden, weshalb ein sofortiger Ausbaustop der analogen terrestrischen Hörfunkverbreitung nicht sinnvoll sei, war der Widerstand gebrochen: Im Jahre 2003 soll entschieden werden, wann UKW abgeschaltet wird - die Radiomacher hatten es noch mit dem Antrag probiert, das Wörtchen wann durch ob zu ersetzen, so filigran wurde die Diskussion dann aber doch nicht geführt.

Rz. 4

Die Abschalt-Debatte der terrestrischen analogen Sendetechnik kommt vom Fernsehen. Nur noch etwa zwölf Prozent der Fernsehhaushalte empfängt das Signal mit dieser Technik, 88 Prozent bekommen das TV-Programm über Satellit oder durch das Kabel. Die analoge terrestrische TV-Verbreitung ist wenig frequenzökonomisch, kann nur wenige Programme transportieren, kann nicht mobil und nur eingeschränkt portabel genutzt werden - und sie verschlingt dreistellige Millionenbeträge im Jahr. Wen wundert es da, wenn die TV-Veranstalter diesen Klotz vom Bein haben wollen?

Rz. 5

Der Hörfunk ist anders, bei ihm ist die analoge terrestrische Verbreitung über UKW der ganz überragende Vertriebsweg, um das Publikum zu erreichen. Satellit oder Kabel spielen kaum eine Rolle, vor allem nicht bei der portablen oder gar mobilen Nutzung.

Rz. 6

Die Terminierung des jüngsten Gerichts für den Hörfunk ist also ins Jahr 2003 vertagt. Dennoch wurde in einigen Verbandszirkeln die Frage formuliert: Gibt es einen Hörfunk nach UKW? Es schließt sich die Frage an Und wenn ja, was ist das für ein Hörfunk?

Rz. 7

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Eines ist sicher: Auch die Hörfunkübertragung wird digital.

Daß ausgerechnet das analoge UKW-Band sich der Digitalisierung langfristig widersetzen könnte, glaubt im Moment niemand in der Branche. Die Debatte um Digital Audio Broadcasting (DAB), Digital Video Broadcasting (DVB) oder Inband-On-Channel (IBOC) wird nicht umsonst geführt. Die Diskussion wird allerdings beherrscht von den Pessimisten: Die DAB-Pessimisten führen aus, das System werde mit der vierten, fünften oder gar sechsten Markteinführung auch nicht besser. Die DVB-Pessimisten weisen darauf hin, daß hier kein einziges Problem gelöst ist, daß sich DVB von DAB lediglich dadurch unterscheide, daß die Probleme breitbandiger sind. Die IBOC-Pessimisten haben den Mut schon lange sinken lassen, weil auf diesem Gebiet selbst die Amis nichts zustande gebracht haben.

Rz. 8

Wo sind die Hörfunk-Optimisten, die auf Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten des Hörfunks in der Nach-UKW-Ära hinweisen? Zugegeben, die Pessimisten haben es einfacher, bei einem so komplexen System wie einer neuen Hörfunktechnik auf viele Probleme in den Details hinzuweisen und auf die Brüche und Verschiebungen, die jeder Umstieg zwangsläufig mit sich bringen wird. Optimisten haben es schwerer. So hat gerade die DAB-Diskussion gezeigt, daß nicht alle Details am grünen Tisch zur Zufriedenheit aller geplant werden können, bevor der erste Schritt getan wird. Nur: Optimisten könnten mit einer schlüssigen Strategie gestalten, während Pessimisten im Moment wohl noch nicht einmal mehr den gröbsten Unsinn verhindern können.

Rz. 9

Zukunftsszenarien, zumal wenn sie sich nicht nur in Problembeschreibungen erschöpfen, sind allerdings gefährlich, denn man könnte sich irren. Das wäre an sich nicht weiter schlimm, wenn es nicht in der Zukunft Menschen gäbe, die sich an zurückliegende Aussagen erinnern. So denkt noch heute der eine oder andere zurück an die Zeiten, als es einen Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen gab. Professor Dr. Horst Ehmke hatte dieses Amt 1974 inne. Er beauftragte die Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems (KtK), deren Bericht vom Nachfolger Kurt Gscheidle rund zwei Jahre später vorgelegt wurde. Aufbauend auf der Regierungserklärung von Willy Brandt vom 18. Januar 1973 sollten mit einem Planungshorizont bis zum Ende des Jahrtausends die Möglichkeiten neuer Kommunikationsformen sowie das gesellschaftliche, politische und volkswirtschaftliche Bedürfnis hiernach untersucht werden. Das Bedürfnis nach lokalen Hörfunk- und Fernsehprogrammen ist wenig ausgeprägt und wird für die Zukunft nicht mit hinreichender Sicherheit prognostiziert, lautet die Feststellung Nummer 46. Auch die unter der folgenden Nummer formulierte Feststellung des Jahres 1976 ist im Rückblick lesenswert: Es besteht zur Zeit kein drängender Bedarf nach einer größeren Anzahl anzubietender Fernsehprogramme.

Rz. 10

Daß der KtK-Bericht am Ende für den Privatfunk doch von grundlegender Bedeutung sein sollte, hängt an der Empfehlung neun, mit der die Kabelpilotprojekte angeregt wurden, die den Urknall im Medienlabor auslösten - ein Vorgang der den Beginn der Markteinführung des Privatfunks markierte.

Rz. 11

Aber auch nach Einführung des Privatradios finden sich Einschätzungen der Entwicklung des Hörfunks, die sich heute im Rückblick als nur bedingt

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zutreffend herausstellen. So wird beispielsweise 1987 in einem sich als Handbuch für Entscheidungsträger bezeichnenden Werk Wege in die Informationsgesellschaft - Szenarien und Optionen für Wirtschaft und Gesellschaft auf die 450 Veranstalter hingewiesen, die sich auf 74 regionale und lokale UKW-Sendemöglichkeiten in Baden-Württemberg beworben haben. Zufrieden heißt es in dem Schmöker: So hat das Radio zum Anfassen, zum Beispiel mit der Produktion von Radio bei Karstadt im Fußgängerbereich von München, inzwischen bei den Passanten dauerhaftes Interesse gefunden. Vielleicht liegt die Symbolkraft des Zitats darin, daß der Moderator in jenem Schaufenster auf einem ausgedienten Schleudersitz eines Kampf-Jets saß.

Rz. 13

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Liegt die Zukunft des Hör-Funks in seinen Bildern?

Das zuletzt zitierte Beispiel belegt die Notwendigkeit, Modeströmungen von wirklich langfristigen Trends zu unterscheiden. Beim 1997 vorgelegten Grünbuch zur Konvergenz der Branchen Telekommunikation, Medien und Informationstechnologie und ihren ordnungspolitischen Auswirkungen der Europäischen Kommission wird wiederum eine Zukunftsprognose gewagt. Der Text, ganz zeitgemäß über Internet verbreitet, kommt in seiner deutschen Übersetzung völlig ohne die Vokabel "Hörfunk" aus. Der Begriff "Radio" kommt auf 55 eng bedruckten Seiten ein Dutzend mal vor, Überschriften eingeschlossen. Das Wort "Konvergenz" erreicht sein Dutzend wohl bereits schon auf der zweiten Seite, vom Modewort "Multimedia" wollen wir erst gar nicht schreiben. Am konkretesten äußert sich das Grünbuch auf Seite 13 zum Hörfunk: Durch digitales Radio entstehen neue spannende Möglichkeiten für eine Verbindung von Radio und Bildern oder für Internet-Seiten, wo CDs oder Karten für übertragene Bands vermarktet werden. Liegt also die Zukunft des Hör-Funks im Fern-Sehen?

Rz. 14

"Bebilderter Hörfunk" war bislang eigentlich eine Bezeichnung für schlecht gemachtes Fernsehen. Es erscheint wenig wahrscheinlich, daß ausgerechnet bebildertes Radio zukünftig erfolgreicher sein soll, als ein im zuvor beschriebenen Sinn schlecht gemachtes Fernsehen in der Vergangenheit.

Rz. 15

Im Gang der weiteren Betrachtungen sollen Aktivitäten der Hörfunksendeunternehmen außerhalb des eigentlichen Radio-Geschäfts außer acht bleiben. Internet-Auftritte sind ebenso wie Off-Air-Veranstaltungen Zusatzangebote, kein Ersatz für das Radio. In diesem Beitrag interessiert im Moment die Veränderung des Hörfunks selbst.

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Digital Audio Broadcasting (DAB) kommt, ob man es will oder nicht - so formulierte es BLM-Präsident Professor Dr. Hans Dieter Ring im Frühsommer 1998. Ein politischer Startschuß garantiert jedoch noch keinen wirtschaftlichen Erfolg, Ring wäre der letzte, der das nicht wüßte. Im vorliegenden Hörfunk-Jahrbuch und in den früheren Ausgaben ist die DAB-Entwicklung intensiv dargestellt. An dieser Stelle interessiert eines: Wie ändert sich die Gattung Hörfunk, wenn sich DAB am Markt durchsetzt?

Rz. 17

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Szenario: DAB kommt.

Das optimistische DAB-Szenario könnte so aussehen: Die in 1999 begonnene Aussendung von Programmen im Band III - das L-Band hat man mit Blick auf die Kosten gerade noch rechtzeitig aufgegeben - hat den Verkauf von Radio-Empfängern angekurbelt, die nicht nur Mittelwelle und UKW empfangen, sondern auch DAB. Gerätehersteller erleben einen Schub, wie damals durch UKW oder bei der Einführung anderer Neuerungen - wie etwa dem 3D-Klang in der Werbung von Grundig auf den folgenden Seiten. DAB-taugliche Radios gehören zur Grundausstattung der Neuwagen ab Baujahr 2002. Ab dem Folgejahr 2003 steht weitere Übertragungskapazität im Band III zur Verfügung, die für regionale und in Ballungsgebieten auch für lokale Gebiete aufgebaut werden kann. In wirtschaftsstarken Gebieten wird ein weiterer Frequenzblock zur Verfügung stehen. Der Zuhörer wird mit DAB in etwa 15 Jahren ab heute rund ein Dutzend Programme und in wirtschaftsstarken Regionen weitere sechs Stationen hören können. Die Hörfunkprogramme in DAB konkurrieren mit sehr starken zielgruppenspezifischen Audio-Programmen in den digitalen Programmbouquets über Satellit und im Kabel, einige dieser Hörfunkprogramme sind bundesweit auch über DVB-T verfügbar. DAB seinerseits transportiert zusätzliche Dienste, die sich auch aus dem lokalen und regionalen Werbemarkt finanzieren und beispielsweise auf speziellen Endgeräten im öffentlichen Personennahverkehr empfangbar sind.

Rz. 18

Beim Umstieg von UKW zu DAB gelingt es auch in optimistischen Szenarien nur zum Teil, die publizistischen und ökonomischen Strukturen des UKW-Radios in DAB "abzubilden". Lokalradiokonzepte, die ein eigenständiges Programm in einem kleinen Sendegebiet, etwa einem Landkreis, anstrebten, dafür in diesem Gebiet keine konkurrierenden Programme zulassen wollten, werden durch die systembedingten "Six-Packs" von DAB zwangsläufig überholt. Im Zuge der DAB-Einführung wird beispielsweise der sechste Abschnitt des nordrheinwestfälischen Landesrundfunkgesetzes, in dem das Zwei-Säulen-Modell mit seinen 46 Verbreitungsgebieten festgeschreiben ist, mit der vermutlich 13. Rundfunknovelle abgeschafft. Neben den landesweiten Programmen des WDR und von radio NRW, das nicht mehr als No-Name-Product auftritt, gibt es jeweils sechs regionale Programme in den einzelnen Regierungsbezirken. In den Ballungsgebieten der "Rheinschiene" (Bonn, Köln, Düsseldorf), dem westlichen Ruhrgebiet (Rheinhausen bis Gelsenkirchen) und dem östlichen Ruhrgebiet (Gelsenkirchen bis Dortmund) gibt es jeweils sieben weitere Programme, die sich zwar bei der technischen Empfangbarkeit nicht unterscheiden, zum Teil aber in ihrer lokalen Ausrichtung deutliche Schwerpunkte bilden: das Programm mit dem Schwerpunkt für Düsseldorf kann man zwar auch in Köln hören, aber welcher Kölner tut sich das an? Während hier also die Differenzierung nach lokalen beziehungsweise thematischen Schwerpunkten verläuft, bilden sich Programme mit unterschiedlichem musikalischem Schwerpunkt bei weitgehend identischem Wortanteil heraus - Regionalradio für Junge, Regionalradio für Alte und Regionalradio für Alt-68er.

Rz. 19

Die Hörfunkveranstalter entwickeln hör-spezifische Zusatzangebote in DAB. Wer die Nachrichten verpaßt, kann sie sich als programmbegleitenden Zusatzdienst zu einem späteren Zeitpunkt akustisch vorspielen lassen, wenn auch nur mono und wegen der starken Datenreduktion in minderer Qualität. Ähnlich lassen sich die Verkehrsnachrichten akustisch abrufen: wenn man losfährt, man muß nicht mehr warten, bis man zur halben Stunde ohnehin im Stau steht. Bilder und Texte als Zusatzinformationen für das Radio spielen eine untergeordnete Rolle und werden im Schwerpunkt dazu genutzt, einen kleinen Ausschnitt des Internet-Auftrittes der Radiostation zu präsentieren, um den Rezipienten zu diesem Angebot, das neben dem Hörfunk existiert, dessen "Vollversion" mit anderen Geräten und vor allem in einer ganz anderen Umgebung genutzt wird, hinzuführen.

Rz. 20

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Szenario: DVB-T kommt auch.

Digital Video Broadcasting (DVB) kommt, weil man es will - zu dieser Aussage braucht man nicht die Autorität eines Mediendirektors. Wie dargestellt, sind die Fernseh-Anbieter an der Abschaltung der nur noch wenig genutzten analogen terrestrischen Programmverbreitung selbst interessiert. Es bedarf keiner industriepolitischen Debatte um den "Standort Deutschland". Dreistellige Millionenbeträge sind bekanntlich ein ganz besonders charmantes Argument für Innovationen. Und die Attraktivität dieses Arguments nimmt ständig zu, denn der Anteil der ausschließlich terrestrisch versorgten TV-Haushalte nimmt laufend ab. Es darf angenommen werden, daß es sich hier um ein eher konservativeres, vielleicht auch älteres Zuschauersegment handelt, für das die quirligen Angebote von RTL oder Sat.1 ohnehin nicht gemacht sind. Daraus folgt die Erkenntnis: Wer heute mit maximal einer Handvoll terrestrisch gesendeter Programme zufrieden ist, wird nicht eben zu den Early Adaptors digitaler Programmbouquets in DVB-T gehören.

Rz. 21

Die Zielgruppe analoger terrestrischer TV-Ausstrahlung wird also nicht die Zielgruppe des terrestrischen Digital-Fernsehens sein. DVB-T wird sich demnach mit neuen Angeboten an eine Kundschaft richten, die weder vom Kabel noch vom Satelliten - jeweils analog oder terrestrisch - bedient ist. Das betrifft zunächst die Nutzungsart: Der DVB-T-Kunde wird das Fernsehen portabel und mit Abstrichen auch mobil nutzen. Das Fernsehen wird an dieser Stelle Rezipientenmärkte erreichen, die gegenwärtig rein technisch bedingt dem Hörfunk vorbehalten sind. Das wird zwangsläufig Auswirkungen auf die Inhaltsangebote des Fernsehens haben, die zunehmend darauf ausgerichtet werden, in diesen neuen Empfangssituationen konsumiert werden zu können. Das Fernsehen wird also nicht nur technisch dazu in der Lage sein, überall genutztes Nebenbeimedium zu werden, es wird auch inhaltlich hierauf ausgerichtet werden. Irgendeinen Artenschutz für den Hörfunk haben die TV-Macher vermutlich nicht vorgesehen.

Rz. 22

Dabei wird es den DVB-Hörfunk geben. Über Satellit (DVB-S) werden sehr spezifische, auf ethnische Gruppen ausgerichtete Angebote verbreitet werden können, die ihre kleine und weiträumig verstreute Zielgruppe erreichen. Diese Zielgruppen werden dafür vielleicht auch Geld hinlegen, Pay-Radio ist nicht so abwegig, wie es heute scheint. Diese Pay-Radios können zudem die gesamte Abrechnungsinfrastruktur des Pay-TV nutzen. Über DVB-T sind in ähnlicher Weise großflächig verbreitete, nationale Hörfunkangebote denkbar, die es in UKW bislang nicht in dieser Form gibt.

Rz. 23

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Warum will das ZDF Radio machen?

Die Ambitionen des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), das Hörfunk veranstalten möchte, können einen Trend beschreiben. Sicher, jeder ZDF-Intendant hat insgeheim vom Radio geträumt, um ein richtiger Intendant zu sein, wie seine Kollegen von der ARD auch. Im Herbst 1998 begründete allerdings ZDF-Intendant Professor Dieter Stolte sein Herzensanliegen gegenüber den Landesgesetzgebern im Zusammenhang mit dem Vierten Rundfunkänderungs Staatsvertrag, sehr viel nüchterner - aus seiner Interessenssicht sogar geradezu logisch und zwingend: Das ZDF müsse Hörfunkprogramme in seine zukünftigen digitalen Fernseh-Bouquets aufnehmen dürfen, um beim Fernsehen (!) gegenüber der ARD keinen Nachteil zu erleiden. Schließlich könne die ARD mit ihren Hörfunkprogrammen immer wieder Cross-Promotion betreiben und den Radiohörer als TV-Kunden gewinnen. Also, so die zwingende Deduktion des ZDF-Intendanten, müsse auch das ZDF Hörfunk machen dürfen, um für sein Fernsehen zu werben. Wir vermuten, daß das sicherlich etwas mit der Bestands- und Entwicklungsgarantie des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu tun hat, vermutlich auch mit der Grundversorgung, aber auch diese Themen sind genügend literarisch durchdrungen, so daß an dieser Stelle weiterer Vortrag unterbleiben mag. Eines ist sicher: Als das Bundesverfassungsgericht von der dienenden Funktion des Rundfunks - und damit auch des Hörfunks - sprach, meinte es sicherlich nicht, daß der Hörfunk dem Fernsehen zu dienen hat. Irgendetwas an der Argumentation des ZDF stimmt nicht - jedenfalls so lange nicht, wie man den Hörfunk als eigenständige Mediengattung begreift. Der Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens tut dies jedenfalls nicht, muß er aber gar nicht, denn er ist nur Fernseh-Intendant.

Rz. 24

Damit stellt sich die Frage, ob DVB-T als gemeinsame Übertragungsplattform für Hörfunk und Fernsehen gleichermaßen taugt. Den Anhängern der reinen Konvergenz-Lehre ist ohenhin die Einführung von zuerst DAB und dann DVB-T als unterschiedliche terrestrische digitale Übertragungssysteme ein Dorn im Auge. Ein System genüge. Wenn das Radio auf DVB-T alleine angewiesen wäre, dann würde das bedeuten: Die technischen Verbreitungsgebiete werden vom Fernsehen definiert, das den größten Kapazitätsanteil benötigt und damit ökonomisch bei der Sendegebietsplanung den Ausschlag gibt. Hörfunk und Fernsehen werden über ein und dasselbe Endgerät mit jeweils identischer Empfangsqualität empfangbar - den bisherigen Vorsprung, daß Hörfunk noch geht, während Fernsehen schon längst rauscht, gibt es dann nicht.

Rz. 25

Wie wird dann Hörfunk genutzt? Ist es wie in einem Hotelzimmer, wo es kein Radiogerät mehr gibt, wo man vielmehr die Radioprogramme irgendwie mit der Fernbedienung aus dem Fernsehgerät holen kann - aber wer macht das schon? Dieses Bild stammt vom technischen Direktor des WDR, Dr. Dieter Hoff.

Rz. 26

Die Fragestellung läßt sich anders zuspitzen: Liegt der Geburtsjahrgang 1998 dann im Teeny-Alter mit einem DVB-T-Gerät - vielleicht dem TellyMan als Ur-Ur-Ur-Enkel des Walkman - im Schwimmbad: Das Gerät hat einen Bildschirm, einen Lautsprecher und einen Knopf zur Programmwahl. Dreht man daran, kommt zuerst MTV (Musikfernsehen für Senioren), dann der Soap-Channel (nur mit der passenden SmartCard empfangbar) und - nach einem weiteren Dreh an dem Knopf - das Lokalradio mit programmbegleitenden Zusatzdiensten. Aber worin unterscheidet sich das Lokalradio vom TV-Musiksender? In beiden Fällen quäkt etwas aus dem Lautsprecher und zappelt etwas auf dem Bildschirm. Sieht so Konvergenz aus?

Rz. 27

[OR1]Tod des Hörfunks durch Konvergenz - das verhindern wir! Das wäre eine schöne Überschrift für die nächste Verbandspressemitteilung. Sollen sich doch die Verbandsfürsten auf den alljährlich fälligen Medientagen mit der Frage herumschlagen. Wozu hat man Podiumsdiskussionen erfunden? Dort ist das Thema gut aufgehoben und stört die Geschäftsführer in den Stationen nicht dabei, ihre Forecasts zu schreiben. Der Hörfunk hat sich doch schließlich noch immer anders entwickelt, er hat noch immer seine Nische gefunden. Sicher, das Fernsehen hat ihn aus dem Mittelpunkt des Wohnzimmers verdrängt - das Radio hat sich gerächt und im Auto eingenistet, der wirklichen Wohnstube der Nation. Das Radio hat Vorzüge, an die das Fernsehen nie herankommen wird - zum Beispiel kann man im Fußballstadion den Reportagen der anderen Liga-Spiele lauschen und weiß daher, daß der eigene Verein selbst mit 0:1-Rücklage aus der Abstiegszone heraus ist. So wird es letztlich auch dem Radio gehen. Notfalls erfindet man Caroline, Noorzee und Veronica wieder auf ihren Schiffen - exterritorial, fern von DAB und DVB-T.

Rz. 28

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Die Zukunft beginnt jetzt: "Müssen wir uns bewerben?"

Dieser Tagtraum zerplatzt spätestens beim Blick in die sogenannten amtlichen Verkündungsblätter, also jene Geheimpostillen, in denen Lizenzen ausgeschrieben werden. Ende 1998 mußten die ersten Geschäftsführer von Radio-Unternehmen ihren Gesellschaftern neben den üblichen Forecasts auch Beschlußvorlagen zuschicken, um über eine DAB-Beteiligung entscheiden zu lassen. Nicht nur die Beteiligung mit Programm auf entsprechenden Übertragungskapazitäten stand zur Entscheidung an, sondern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz auch die Beteiligung an der DAB-Sendernetzbetriebsgesellschaft. So schnell kann sich die Diskussion vom Podium der Medientage in die Gesellschafterversammlung verlagern. Erstaunlicherweise ist in dieser Phase der Diskussion für viele Gesellschafter und auch noch für eine ganze Reihe von Medienpolitikern das Kardinalproblem der Digitalisierung des Hörfunks nicht bekannt: Es handelt sich um eine alle Hörfunker betreffende Systementscheidung, nicht um in erster Linie unternehmensbezogene Investitionsüberlegungen. Stand früher die Entscheidung an, von Mono auf Stereo umzusteigen, ARI oder RDS einzuführen, konnte das jedes Haus nach Gutdünken entscheiden, ohne von den anderen Marktpartnern abhängig zu sein. Selbst die frühere Entscheidung, UKW statt Mittel- oder Langwelle zu nutzen, war keine Entscheidung, die mit der Frage der zukünftigen Positionierung der Gattung Hörfunk verbunden war.

Rz. 29

Nur wenig vergröbernd kann man die Diskussion um den lokalen Rundfunk in Nordrhein-Westfalen als Beleg dafür herannehmen, wie sehr die Diskussionen um die zukünftige Digitalisierung auf der einen und um die zukünftige Ausgestaltung des Lokalfunks auf der anderen Seite aneinander vorbeigeführt werden. Die Planungshorizonte berühren sich aber am Ende der nächsten Dekade. Der eine Teil der Medienpolitik will den Lokalfunk in seiner kleinzelligen Struktur langfristig am Leben erhalten; der andere Teil der Medienpolitik propagiert digitale Übertragungssysteme, mit denen genau dies nicht mehr gehen wird.

Rz. 30

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Ist die Zukunft planbar?

Hängt die derzeit überwiegende pessimistische Grundströmung vielleicht damit zusammen, daß die Zukunft des Hörfunks nicht in einem fünf-, 15 oder 25-Jahres-Plan geplant werden kann - genauso wenig, wie man das vor 75 Jahren bei der ersten Hörfunksendung in Deutschland oder viel später bei der Einführung von UKW-Radio getan hat. Vielleicht ist die Vorstellung, die technische und in der Folge die inhaltliche Weiterentwicklung des Hörfunks verbindlich und mit aller Investitionssicherheit zu planen, eine Fehlvorstellung, wie sie sich nur unter der strikten Regulierung des Rundfunks - das Wort "Markt" verbietet sich an dieser Stelle - entwickeln konnte. Warum sollen nicht verschiedene Systeme am Markt gegeneinander antreten - digitalisierte Mittelwelle, verbessertes und über IBOC digitalisiertes UKW innerhalb der gegenwärtigen Kommunikationsräume, DAB und DVB-T? Der Markt trägt zwar nicht immer die ausgefeiltere Ingenieurskunst zum Sieg, verhilft dafür aber Lösungen zum Durchbruch, die den Bedürfnissen der Kunden am ehesten gerecht werden. Wenn es stimmt, daß der Markt besser die Bedürfnisse der Rezipienten erkennt als Kommissionsberichte, Grünbücher oder Jahrbuchbeiträge, dann müßte die Konsequenz lauten: Weniger Planung, mehr technische und wirtschaftliche Deregulierung.

Rz. 31

Die Durchsetzung einer bestimmten neuen Technologie für den Hörfunk wird nicht dadurch kundenfreundlicher, daß man die bisher vom Kunden akzeptierte Technik durch administrative Mittel vom Markt nimmt. Wenn einzelne Marktpartner zum Beispiel DAB als strategisches Mittel erkennen und entsprechend einsetzen, um mit digitaler Technik, guter Qualität und einigen hörfunkspezifischen Zusatzdiensten den Markt in der Fläche zu besetzen, bevor DVB-T in der Lage ist, in den Ballungsräumen Fuß zu fassen, dann hätte der Hörfunk ein eigenständiges und zudem preiswerteres Transportmittel und könnte vielleicht wie bisher portabel und mobil einfacher als zukünftig DVB-T genutzt werden. Das geht aber nur, wenn ausreichend starke Marktpartner dieses Ziel angehen. Wenn man ein solches Ziel verfolgt, könnte es nicht schaden, wenn der strategische Ansatz nach außen erkennbar wird, so daß andere mitgezogen werden. Im Moment hat man mehr den Eindruck, als verstünde der weit überwiegende Teil der DAB-Gemeinde die gegenwärtige Phase als eine Meisterschaft des Taktierens. Wer gerade plant, eine zeitgemäße Neuausgabe von Macchiavellis Fürst zu schreiben, könnte in den letzten Jahren der DAB-Diskussion einiges an Anschauungsmaterial finden.

Rz. 32

Es ist ja wirklich nicht so, als hätte der Hörfunk gegenüber Multimedia keine Zukunft mehr. Im Gegenteil - auch im Jahre 2015 wird man den Autofahrern vermutlich keine programmbegleitenden Zusatzdienste von innen in die Windschutzscheibe spiegeln. Und außer dem Autofahren soll es auch noch die eine oder andere Verrichtung geben, die ohne die neuen spannenden Möglichkeiten für eine Verbindung von Radio und Bildern, um es mit den Worten des EU-Grünbuchs zu sagen, auskommt. Im Gegenteil, es wird neue Formen von Radio geben, wie die europaweiten oder nationalen zielgruppenspezifischen Angebote, die man nur gegen Bezahlung empfangen wird. WorldSpace mit seinem an die Bevölkerung in der Dritten Welt und in den Schwellenländern gerichteten, zum portablen Empfang ausgelegten Satellitenradio zeigt eine andere Weiterentwicklung. Der bisher nach deutschen Bundesländern beziehungsweise in den einzelnen Regionen gewachsene Markt wird sich in den nächsten 15 Jahren genauso dramatisch weiterentwickeln, wie er das in den zurückliegenden 15 Jahren getan hat. Die Annahme, ausgerechnet heute sei der Markt zum Stillstand gelangt, der Status Quo sei von nun an bestimmendes Element, entbehrt jeder tatsächlichen Grundlage.

Rz. 33

Allerdings wird der private Rundfunk sich umstellen müssen - er ist nicht mehr der neu hinzugekommene Wachstumsmarkt, sondern er muß sein Terrain gegenüber neuen Angeboten verteidigen; eine Rolle, in die man sich noch hineinfinden muß. Der Gegensatz der öffentlich-rechtlichen und privaten Radiomacher sollte dabei trotz aller Konkurrenz im programmlichen Bereich ein Stück in den Hintergrund treten. Es kann gut sein, daß heute erfolgreiche Angebote des dualen Hörfunks in die Vergessenheit geraten - sozusagen die digitale Variante des "Mittelwellen-Syndroms".

Rz. 34

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Warum will in der Zukunft die Tonträgerindustrie Radio machen?

Es kann gut sein, daß in dem hier skizzierten Zeitraum von 15 Jahren die Radioveranstalter unabhängig von ihrer Rechtsform gemeinsam sich gegen die Tonträgerindustrie zu wehren haben. Jene wollen selbst und ohne die Radioanbieter als "Zwischenhändler" den Hörer erreichen. Angesichts eines Rückgangs des CD-Umsatzes - von der Industrie als "Einbruch" verlautbart - hat der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft zwei Ursachen ausgemacht: Die CD-Brenner an PCs in privaten Haushalten - und den Hörfunk. Der Vorwurf an die Hörfunksendeunternehmen: "Ein ganz enges Nadelöhr." Neue Tonträgerprodukte erreichten den Hörer nicht mehr, der daher weniger kaufe. Da hat schon wieder jemand die dienende Rolle, die das Bundesverfassungsgericht dem Rundfunk zuschreibt, falsch verstanden. Klar - hier versteht man den Hörfunk ausschließlich als Vertriebs- und Werbekanal für Tonträger. Die erkennbare Interessenlage der Industrie verhindert es, die entgegenstehenden empirischen Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen, daß der Hörfunk nicht ausschließlich wegen der Musik akzeptiert wird, sondern weil er inhaltliche Angebote bietet, die über den Klatsch und Tratsch zu Boy-Groups und Teeny-Bands hinausgehen. Der Hörfunk ist ein publizistisches Medium und läßt sich nicht auf den permanenten akustischen Starschnitt reduzieren. Das verkennt, wer auf VIVA als Vorbild verweist.

Rz. 35

Die Tonträgerindustrie will, so wird der Vorstandsvorsitzende von der Süddeutschen Zeitung Anfang Dezember 1998 zitiert, ins herkömmliche Radiogeschäft einsteigen. Nicht andere sollen die Werbeumsätze "mit der Musik" verdienen, sondern die Tonträgerhersteller selbst. Daß man zukünftig digitale Zielgruppenprogramme selbst als Pay-Radio anbieten will, versteht sich fast von selbst.

Rz. 36

Die Tonträgerindustrie hat dabei noch ein urheberrechtliches Problem. Sie hat zwar einen Vergütungsanspruch gegen die Hörfunksendeunternehmen, nicht aber ein Verbotsrecht, Musik von veröffentlichten Tonträgern aus dem Radio fernzuhalten. Die Lobby der Tonträgerhersteller ist aber längst unterwegs - es gibt kaum eine Pressekonferenz, kaum eine Podiumsdiskussion ohne die nachdrückliche Forderung nach einem solchen Verbotsrecht. International und national werden den urheberrechtlichen Entscheidungsträgern die Forderungen der Industrie nahe gebracht.

Rz. 37

Ein Verbot hätte vor dem Hintergrund der damit verfolgten Ziele drastische Konsequenzen: Die Tonträgerhersteller könnten eine Lizenzpolitik betreiben, so daß bestimmte Titel nicht mehr für das "Free-Radio" verfügbar sind, daß also bestimmte Programmformate von den Tonträgerherstellern direkt dem Hörer angeboten werden. Die entsprechenden Titel würden erst nach der Pay-Vermarktung freigegeben werden. Im Film ist diese Vermarktungskette nichts neues. Auch wenn sich die "Verwertungskaskade" von Tonträgermusik wohl anders entwickeln würde als jene im Film, Parallelen wären möglich: Neue Produkte würden nur im Pay-Angebot über DVB-S oder -T in voller Länge gespielt werden und das Free-Radio wäre auf eine beschränkte Anzahl spezieller Versionen neuer Titel beschränkt - so könnte die Industrie bestimmen, was durch das enge Nadelöhr geht und zugleich zum Kauf der "Lang"-Fassung stimulieren. Oldies wären teuer, wenn es sich um Evergreens handelt, billig bei der Masse belangloser Produkte, die niemand mehr hören will.

Rz. 38

Die Folgen für die Inhalte des Hörfunks liegen auf der Hand. Würde sich die Tonträgerindustrie mit ihrer Vorstellung durchsetzen, wären die Auswirkung auf die publizitische Funktionsfähigkeit des Radios ähnlich schwerwiegend wie ohnehin schon die Digitalisierung der Übertragungstechnik. Die medienpolitische Diskussion darf sich also nicht auf die Bewältigung der technischen Aspekte beschränken, wie dies gegenwärtig der Fall ist.

Rz. 39

 

Zitiervorschlag:
Ory, Gibt es einen Hörfunk nach UKW?, http://www.medienpolizei.de, Dok. 016, Rz. n.