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DAB, MP3 - Neue Technologien (in) der Radiozu(ku)nft

Von Dr. Stephan Ory, Püttlingen/Saar

Der folgende Text wurde im Sommer 2001 für die Festschrift "10 Jahre TLM" verfasst, Rössler/Vowe/Henle (Hrg.), Das Geräusch der Provinz - Radio in der Region, Schriftenreihe der Thüringer Medienanstalt (TLM), Band 13, München 2001.

 

Wer kennt heute noch Radio Weinstraße? Immerhin, das war Deutschlands erstes Privatradio. Es startete vormittags am 1. Januar 1984 in Ludwigshafen am Rhein. Nur hart gesottene Vertreter offener Kanäle bestehen auf der Feststellung, dass der offene Kanal Hörfunk zwei Stunden früher und damit vor dem offiziellen "Urknall" des Privatfunks auf Sendung war. Bewusst ist hier die Formulierung "On Air" vermieden, denn das erste Privatradio spielte sich in einem "Kabelpilotprojekt" ab. Hier sollte Privatfunk erprobt und wissenschaftlich untersucht werden, alles unter dem "Vorbehalt der Rückholbarkeit". Jedenfalls an diesem, politisch ohnehin nicht sonderlich ernst gemeinten Vorbehalt lag es nicht, dass Radio Weinstraße nicht reüssierte. Es hätte auch keiner wissenschaftlichen Erhebung bedurft, um festzustellen, dass Radio offenbar im lokalen Kabel wenig Erfolgsaussicht hat. Das hänge daran, dass es noch keine hinreichend großen Kabeltrommeln gebe, die man hinter die Autos hängen könne - so der Kalauer der damaligen Macher, nicht wissenschaftlich exakt, aber doch ziemlich treffend.

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1 In der Enge von Format und UKW

Wer heute von "Radio" redet, redet vom terrestrisch gesendeten Programm. Die ganz überwiegende Anzahl der Hörer wird so versorgt. Und wenn man die Hördauer in den Blick nimmt, wird der Vorrang der Terrestrik vor allen anderen Übertragungsformen des Radios noch deutlicher. Noch genauer: Wer terrestrisches Radio sagt, meint UKW. Langwelle, Mittelwelle und Kurzwelle führen in Deutschland gegenwärtig ein Schattendasein.

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Radio ist aber mehr als die terrestrische Übertragungstechnik. Radio lebt von seinen Inhalten, den Informationen, der lokalen und regionalen Verwurzelung und dem Service. Radio ist ein publizistisches Medium. Radio ist weit mehr als ein Vertriebskanal für Musik. Gelegentlich gerät das in Vergessenheit bei all dem bestem Mix der 80iger und 90iger und den aktuellen Hits. Oft sind nicht nur die Claims gleich, sondern es unterscheidet sich auch das Format nur geringfügig. Ach so, der Begriff wurde hier als bekannt vorausgesetzt. Als das private Radio gerade neu erfunden war, brachte man mit dem Begriff noch die gedruckten Medien in Verbindung - etwa das handliche Rheinische Format im Gegensatz zum stattlichen Nordischen Format. Beim Radio haben wir gelernt, dass die Formatierung den Vorgang beschreibt, dass alle Programmelemente von den Nachrichten über die Musik bis zur "Verpackung" auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten ist.

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Die meisten Radios wenden sich mit ihrer publizistischen Leistung, mit ihrer Unterhaltung einschließlich der Musik an eher ähnliche Zielgruppen. Das ist nicht weiter verwunderlich. Wer nur ein Programm veranstalten darf, will möglichst einen großen Anteil an der größten Zielgruppe im größten wirtschaftlichen Segment haben. Dort wird es dann halt eng. Wer begnügt sich schon freiwillig mit der Rolle des Platzhirschen in einem kleinen Marktsegment. Allenfalls dann, wenn mit einem Programm im wirtschaftlich interessanten Bereich der Erfolg gesucht werden kann, könnte man mit einem anderen Format und Synergieeffekten bei der Erstellung weiterer Programme andere Zielgruppen wirtschaftlich angehen. Aber welcher Programmveranstalter hat schon Frequenzen für mehrere Programme:? Bekanntlich ist das eine rhetorische Frage. Der Grund für die obwaltenden Umstände liegt zum einen darin, dass es für den Privatfunk nur noch sehr wenige neue Frequenzen im UKW-Band gibt. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat sich mit seiner Zauberformel von der "Grundversorgung" die meisten und vor allem die besseren Frequenzen beschafft. Die Medienpolitik hat unter dem Stichwort der Meinungsvielfalt dafür gesorgt, dass bis auf wenige Ausnahmen einzelne Veranstalter nicht mehrere Programme veranstalten können. Ob das Meinungsvielfalt gebracht hat, mag die Medienpolitik beurteilen. In der Kategorie des Formatradios ausgedrückt hat diese Medienpolitik nicht dazu führen können, unterschiedliche Segmente zu bedienen.

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2 DAB - Bislang reine Medienpolitik

Unser Verständnis dessen, was "Radio" eigentlich ist, wird also durch die flächendeckende, preiswerte jederzeitige und mobile Verfügbarkeit bestimmt und zugleich von inhaltlichen Vorstellungen, die bei genauem Hinsehen von der technischen Situation beeinflusst sind. Das macht es so schwierig, sich "das Radio" auf anderen technischen Vertriebswegen vorzustellen. Gibt es ein Radio nach UKW? Der Frage wurde an anderer Stelle im Hörfunkjahrbuch 98/99 Seite 235 nachgegangen, wobei die Chancen des Übertragungssystems Digital Audio Broadcasting (DAB) nach der Norm Eureka 147 herausgestellt wurden.

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2.1 Wer will eigentlich (noch) DAB?

DAB ist einfach nicht tot zu kriegen. Selbst die DAB-Plattform, ein inzwischen liquidierter eingetragener Verein, hat das nicht geschafft. Dort hat man sich alle Mühe gegeben. Statt auf Hörfunkmärkte Rücksicht zu nehmen, den Konsumenten im Blick zu haben, ging man von technischen Details aus und nahm allenfalls widerwillig Rücksicht auf die Medienpolitik. Jeder hatte sein eigenes Sonderinteresse im Blick. Zur Ehrenrettung der verblichenen Plattform sei aber hinzugefügt, dass sie das Problem nur geerbt hatte. Schon die DAB-Systemparameter wurden zu einem Zeitpunkt vom öffentlich-rechtlichen Konkurrenten nach den eigenen Bedürfnissen festgelegt, als der private Rundfunk in (West-)Deutschland gerade geboren wurde,. Der Vorrang des einen oder anderen Teils des dualen Radiosystems zog sich wie ein roter Faden durch die Debatte und ist auch heute noch spürbar, wenn dem Anstaltsfunk der Vorwurf gemacht wird, er sei untätig und das trotz dreistelliger zweckgebundener Gebührenmillionen. Die DAB-Diskussion war immer Bestandteil der Medienpolitik und bis zuletzt nicht eine Frage des Marktes.

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Was waren das noch für Zeiten, als die Länder um den frühesten Termin des jeweils eigenen DAB-Pilotprojekts wetteiferten. Musste nicht zu irgendeiner Internationale Funkausstellung (IFA) - zu welcher eigentlich? - die ganze DAB-Gemeinde am Vorabend noch schnell in ein eher südlicheres Bundesland fliegen, um dort das Pilotprojekt zu eröffnen. Vor der Berliner IFA, versteht sich. Der zuständige Ober-Medienpolitiker jenes Landes ist nicht mehr im Amt, ob er sich noch daran erinnert? Der Chef der Bayerischen Staatskanzlei, Erwin Huber erinnerte sich unlängst auf einer Ehrenveranstaltung anlässlich des 60. Geburtstages von Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring an den Start von DAB in Bayern. Mit einer gewissen Wehmut konstatierte er einen nur geringen Fortschritt in der Sache. Man solle halt bei so wichtigen Projekten zum Start nicht ausgerechnet auf einen roten Knopf drücken, befand der Vertreter der bayerischen Staatsregierung jedenfalls im Rahmen der launigen Festrede.

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Die DAB-Diskussion lebte über knapp zehn Jahre von dem Running Gag, dass die Programmveranstalter der Endgeräteindustrie vorwarfen, sie müsse in Vorlage treten, während umgekehrt die Endgeräteindustrie an die Programmveranstalter die mahnenden Worte richtete, man könne doch erst produzieren, wenn es genügend Programme in der Luft gebe. Damit es nicht ganz so langweilig wurde, hat man, als sie zwischendurch dann gegründet worden war, die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) gemeinsam geprügelt oder den Sendernetzbetreibern die Schuld an allem digitalen Übel gegeben. Zwischendurch hat man einmal für ein paar Kongresse lang in der Euphorie digitaler Zusatzdienste geschwebt. Aber spätestens seitdem eine große Anzahl von Programmen über DAB empfangbar ist, liegt der Schwarze Peter bei der Endgeräteindustrie. Selbst die Medienpolitik fordert seit diesem Zeitpunkt das preiswerte DAB-Küchenradio. Als das sachsen-anhaltinische Projekt dann eine teure und handgefertigte Designerstudie unter dem wettbewerbsrechtlich wegen Irreführung unzulässigen Begriff des "Küchenradios" anbot, stöhnten allerdings hart gesottene DAB-Freaks auf: Wenn das Radio teurer ist als der Küchenblock samt Einbaugeräten, läuft irgendetwas schief.

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Wer will eigentlich (noch) DAB? Die ARD hält sich bedeckt, eine Reihe von Landesrundfunkanstalten noch nicht einmal mehr das. Für ganz Mitteldeutschland hat der MDR beschlossen, nichts in DAB zu machen und nichts von den ihm dafür zugewiesenen Rundfunkgebühren auszugeben. In Norddeutschland fasst man Beschlüsse zum DAB-Ausbau, als gebe es keine verpflichtenden Auflagen der RegTP an den Sendernetzbetreiber. Und ein rauschender Chor von DAB-Enthusiasten ist den Verbänden des Privatfunks nicht zu vernehmen. Im Gegenteil, verbandsintern ist das ein Thema, mit dem man sich nur unbeliebt machen kann. Auf der anderen Seite hat aber auch noch keiner den Stecker gezogen, wenn man einmal von einigen wenigen Privatradios absieht, die trotz der Unterstützung durch die Landesmedienanstalten den Simulcast nicht zahlen konnten. Nur der Bundesverband der freien Radios, also der nicht-kommerziellen Anbieter hat im Frühsommer 2001 das europaweite Scheitern von DAB verkündet - ohne merkliche Resonanz, was aber auch daran liegen kann, dass sich die Stellungnahme wie ein Sammelsurium der unterschiedlichsten und nicht immer ganz zusammenpassenden Argumente anderer Gruppierungen aus den letzten fünf Jahren liest.

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2.2 Wenig Euphorie bei den Privaten

Dass von den Privatradios sich niemand offen gegen DAB wendet, hat möglicherweise zwei Gründe. Schließlich will man ja noch etwas von "seiner" Landesmedienanstalt. Und so lange die noch für DAB ist, kann man schlecht das Lieblings-Spielzeug des jeweiligen Landesmedienpräsidenten kaputt machen. Das gehört sich nicht. Auf der anderen Seite haben alle kritischen Stellungnahmen eine Hintertür offen: Niemand will sich aus der Diskussion hinaus katapultieren. Die anderen sollen den Markt öffnen, an dem man dann teilhaben will ohne eigene Marktentwicklungskosten. Und wenn sich der Markt nicht öffnet, dann hat man auch nichts in den Sand gesetzt. So irgendwie lässt sich die Situation beschreiben, wobei beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch an dieser Stelle das Zauberwort von der "Grundversorgung" auftaucht: Man macht nichts, behält die zweckgebundenen Gebühren und wenn die anderen mit ihrem Geld den Markt öffnen, dann bitte will man dort Vorfahrt haben. Das stehe irgendwo in Artikel 5 im ersten Absatz des Grundgesetzes.

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Nach Euphorie hört sich das alles nicht an. Der eine oder andere Landesmedienchef denkt sich Arges: Die wollen keine neue Konkurrenz, weder die einen vom öffentlichen Recht, noch die anderen, welche gelegentlich mit dem Begriff der "Privat-Kommerziellen" bedacht werden. Neue Vertriebswege bringen neue Konkurrenzsituationen. Da ist einem doch die UKW-Knappheit lieb, wenn man selbst schon Frequenzen hat, so der gelegentliche Vorwurf. Nun gut, da ist etwas Wahres dran. Warum sollen auch private Unternehmen mit eigenem Kapital und auf eigenes Risiko ein System etablieren, das ihre Marktstellung gefährden kann. Vor allem dann, wenn sie nach derzeitigem Stand keine Rechtssicherheit haben, durch neue Formate zu wachsen, um neue Zielgruppen anzusprechen. Aber daraus den Vorwurf abzuleiten, die derzeit aktiven Programmveranstalter seinen gegen neue digitale Vertriebswege für das Radio, ist eine unzulässige Überspitzung.

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Viele Programmveranstalter haben sich in DAB mit neuen und differsiviziertem Angebot engagiert. Die gesamte Branche hat nach Wegen gesucht, schon jetzt im Massenmarkt Zusatzdienste zu verbreiten etwa über die Systeme Swift/DARC und anderen ähnlichen Erweiterungen von UKW, die allesamt über Planungen nicht hinauskamen. Schließlich werden Frequenzen der Mittelwelle nachgefragt, obwohl die derzeit niemand hört. Die Interessenten sehen die Möglichkeit, diese Übertragungswege zu digitalisieren und so neue Zielgruppen zu erreichen. Die Bewerbungen erfolgen, obwohl weder nach Telekommunikations- noch nach Medienrecht eine Garantie dafür gegeben wird, dass bei der Digitalisierung dem bisherigen Betreiber oder Programmveranstalter eine Besitzstandswahrung gewährt wird. Die Unternehmen engagieren sich in diesen Märkten, nur um sich eine wage Chance auf digitale Übertragsungswege zu sichern. Das sieht nicht danach aus, als suche eine Branche ihre Zukunft im Rundfunkmuseum.

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3 Bringt eine Markentinginitiative den Durchbruch?

Seit etwa dem Sommer 2000 ist in der DAB-Debatte zu beobachten, dass der oben beschriebene Running Gag der wechselseitigen Vorwürfe zwischen Programmveranstaltern und Endgeräteindustrie das geneigte Publikum nicht mehr unterhält.

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Die DAB-Arbeitsgruppe des Zentralverbandes der Elektroindustrie (ZVEI) hat gelernt, dass der Markt der Programmanbieter im Rundfunk ganz anders funktioniert als beispielsweise die Ökonomie der CD-Anbieter bei der Umstellung von Venyl. Die Programmveranstalter haben akzeptiert, dass neue technische Produkte selten auf den billigen Massenmarkt eingeführt werden und man für die notwendigen Stückzahlen die Autoradios braucht, selbst wenn das nicht die Hörerreichweiten der Programmveranstalter garantieren. Das war der Startpunkt der Marketinginitiative für das Digital Radio (IMDR). Sie ist nur bedingt das Ergebnis der Initiative Digitaler Rundfunk der Bundesregierung (IDR), sondern hat sich erstaunlicherweise trotz der endlosen und mühsamen Debatten im Digital-Sowjet durch einen Teil der Marktbeteiligten gebildet. Zwar fanden die Diskussionen im Bundeswirtschaftsministerium statt, von Markt wurde dort aber sehr wenig gesprochen. Und vor allem nicht von dem Markt für DAB, ist doch das digitale Fernsehen viel größer, schöner und bunter - und noch viel weiter in der Zukunft, weshalb man viel gefahrloser darüber Papiere verabschieden konnte.

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Apropos Papiere: Gegen einen verbindlichen Zeitpunkt zur Abschaltung des analogen UKW-Netzes etwa im Jahre 2010 haben sich die Privatfunkvertreter hartnäckig gesträubt. Die dann auf der Expo 2000 als epochaler Fortschritt im Rahmen des IDR-Gesamtkonzepts verkündete Version beinhaltet einen klassischen (also unscharfen) Kompromiß, der das Auslaufen und UKW irgendwann um 2015 andeutet, aber nicht vorschreibt. Der Autor dieser Zeilen gesteht, daran nicht unschuldig zu sein. Das Ganze hat eine Mittagspause einer Sitzung des IDR-Lenkungsausschusses gekostet, während der handschriftliche Kompromiß in jeweils bilateraler Diskussion mal mit der einen, mal mit dem anderen Beteiligten bis zur Unkenntlichkeit verfeinert wurde. Die Verbandsgremien lobten die Weisheit der Formulierung. Aber einzelne Privatradios kritisieren heute, dass es für den teuren Simulcast kein verbindliches Enddatum gibt. Hat also Sachen-Anhalt mit seiner medienrechtlichen Festlegung, dass ab 2010 Radio nur noch digital gesendet wird, Recht? Das kommt darauf an. Markterfolg lässt sich nicht durch ein Gesetz herbeiführen. Und ein Gesetz ist der falsche Ort, eine Marketing-Idee niederzuschreiben. Wenn der Markt nicht so weit ist, wird das Gesetz geändert und nicht etwa umgekehrt.

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Was macht also der Markt? Oder zumindest die Marketinginitiative. Die hat im Frühjahr 2001 eine aufrüttelnde Pressekonferenz gegeben. Ein neues Logo wurde vorgestellt und alsdann - Ordnung muss sein - ein Verein gegründet. Soweit war die DAB-Plattform früher auch schon einmal. Überhaupt sollte man dem einen oder anderen zur Abschreckung auferlegen, an einem langen Wochenende die Jahresberichte und Publikationen der Plattform nachzulesen. Man muss ja nicht alle Fehler wiederholen. In vielen Punkten ist man aber auch schon deutlich weiter als es die Plattform je war. Jedenfalls für die ersten Schritte des Marketings ist Geld eingesammelt. Daran war bekanntlich einige Jahre zuvor die DAB-Plattform gescheitert, wovon sie sich nicht mehr erholte und wegen übergroßem Erfolg ihre Liquidation beschloss.

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Auch in anderen Dingen ist man sehr viel weiter. Nicht mehr zukünftige und teure Projekte werden gepriesen, sondern die kleinen Schritte hier und heute. Statt digitalen Zusatzdiensten sind das zum Beispiel Secondary Services - 2S-Angebote. Es handelt sich um zusätzliche Audio-Dienste zu einem Radio-Programm, die von den gegenwärtigen DAB-Empfängern unterstützt werden. Die freitäglichen Verkehrsstaus ab einem Kilometer könnten im DAB-Radio als 2S-Angebot gesendet werden, während im Hauptprogramm bereits wieder Musik läuft für alle diejenigen, die nicht auf die Autobahn müssen. Übrigens noch ein Fortschritt: Die Endgeräteindustrie beschränkt sich bei 2S nur noch auf inhaltliche Beispiele, um das System zu erläutern, während sonst bei Zusatzangeboten die Inhalte gleich mitverkündet wurden (Hotelservice, Touristeninformation, Parkhausinformation, Kinotipps, Gaststättenhinweise). Das erinnert an die frühen Debatten um Bildschirmtext, wo man sich in der Fangemeinde darüber einig war, dass es sich um etwas aufregendes und zukunftsweisendes handelt und zwar für folgende Inhalte: Hotelservice, Touristeninformation, Parkhausinformation, Kinotipps, Gaststättenhinweise.

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In anderer Hinsicht erfindet man neue Probleme. So hat man zwar ein neues Logo, nur nutzen darf es nicht jeder. Selbst die Website der Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR) darf das Logo nicht verwenden, um den Link zu den Seiten über das digitale Radio in ihrem Angebot zu verwenden. Markenrechte stehen dem entgegen. Das wird respektiert, es gibt keinen Link mehr, da das alte Logo, das weiland noch die Plattform eingeführt hatte (Branchenjargon: "explodierendes Ohr"), nicht mehr genutzt wird. Vielleicht sollte die Endgeräteindustrie ihre Vertriebsstrukturen für DAB-Endgeräte überdenken. Wenn es so ist, dass der maximale Umsatz angesichts bei minimalem Marketingaufwand zu den größten Tantiemen der Marketingchefs führt, darf man sich nicht wundern, wenn verantwortliche Marketingleiter das exakte Gegenteil von dem tun, was die Entwicklungsleute der gleichen Firma für dringend erforderlich halten.

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Die IMDR hat zwei Jahre Zeit bis zur IFA 2003. Bis dorthin muss jeder Konsument wissen, was es mit dem Digital Radio auf sich hat. Man wird bis zum Jahre 2003 nicht große Marktsegmente erobert haben. Man muss aber die Bekanntheit von Digital Radio hergestellt haben und ein entsprechendes Geräteangebot flächendeckend im Handel finden. Wird dieses Ziel mit der IFA 2003 verfehlt, ist DAB tot, jedenfalls für das Radio. Ob die Sendernetze dann von anderen Diensten - Medien oder Telediensten - genutzt werden, ist aus Sicht der Gattung Hörfunk irrelevant, die Sendernetzbetreiber mögen da anders denken.

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4 Was wäre die Alternative zu DAB?

Doch was kommt, wenn es DAB nicht packt? Eine Reihe von schönen Abkürzungen werden in der Szene herumgereicht. Hinter keiner verbirgt sich ein wirkliches Konzept. Die Blauäugigkeit der allermeisten Versprechungen entspricht der Verbindlichkeit der DAB-Zusagen Anfang der neunziger Jahre.

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4.1 Kann man MP 3 für das Radio nutzen?

Da ist zunächst MP3. Das ist für eine Rundfunkübertragungstechnik etwa so aussagekräftig wie "Dieselmotor" für den Warenverkehr. Ein konkreter Verkehrsweg ist damit nicht beschrieben, geschweige denn ein komplettes Konzept unterbreitet. Gemeint ist mit dem Stichwort MP3 die Übertragung einzelner Dateien mit Audioinhalten, wobei die Übertragsungstechnik zweitrangig ist: Drahtgebundenes Internet, zukünftige Kabelsysteme, GSM, UMTS oder was einem sonst spontan einfällt. Die Dateien werden übertragen, gespeichert und irgendwann abgehört. Die Player dazu sind auf dem Markt und werden zunehmend auch in andere Geräte wie beispielsweise Autoradios integriert. Nett, aber ist das Radio?

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Ein Vergleich sei erlaubt - Radio zu MP3-Dateien verhält sich etwa so wie Tageszeitung zu Klebezetteln. Um mit MP3 die Musik aus dem Radio zu transportieren, fehlen die urhebergesetzlichen Rechte. Die liegen bei der Musikindustrie. Und die hat überhaupt kein Interesse, Lizenzen an Radioanbieter als Zwischenhändler zu geben, wenn die Industrie diese Form des Musikvertriebs selbst kontrollieren kann.

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Die publizistischen Inhalte des Radios, die Nachrichten und Serviceinformationen können mit MP3-Files vertrieben werden. Das kann aber jeder, nicht nur das Radio. Die besonders wertvollen Informationen, deren Abruf sich der Nutzer etwas kosten lassen wird, werden aber von anderen angeboten werden. Das lässt sich am Beispiel der Fußballberichterstattung deutlich machen. Völlig ohne Stütze im geltenden Recht werden zum Zwecke der Berichterstattung über den Fußball auch im Hörfunk "Rechte" verkauft. Das ist den Radioveranstaltern zwar ein Dorn im Auge. Aber irgendwie einigt man sich mit seinem örtlichen Fußballverein ja ganz gut, so dass eine grundsätzliche Auseinandersetzung nicht gesucht wird. Das führt dazu, dass sich in der Praxis in einiger Zeit, wenn nichts dagegen unternommen wird, eine Branchenübung feststellen lassen wird. Was bisher keine Rechtsgrundlage hat, wird dann rechtlich auf der Branchenübung abgesichert sein. Für die Berichterstattung über den Fußball bedürfe es einer Lizenz. Und Fußballvereine sind trotz des einen oder anderen Traditionsnamens, der an Leibesertüchtigung erinnert, knallharte Kapitalgesellschaften, die an die Börse streben. Dort hat niemand ein Interesse daran, "Premium-Informationen", mit denen man guten Umsatz machen kann, an Dritte zu lizenzieren, wenn man den Abruf solcher Dienste als MP3-Dateien selbst auf die Beine stellen kann.

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Ein Radioprogramm lässt sich also nicht in seine einzelnen Bestandteile zerlegen, um diese einzeln zu verkaufen. Allenfalls können bestimmte Serviceinformationen mit MP3-Dateien verteilt werden, die als Appetithappen für das Radioprogramm aufgemacht sind und den Hörer zum "richtigen Radio" zurückholen sollen.

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4.2 Hat das Internetradio eine Chance?

Wenn man sich unter "Internet" die derzeit gängige Nutzung am PC zu Hause vorstellt, hat das Internet-Radio das gleiche Problem wie das reine Kabel-Radio. Das gilt auch dann, wenn statt eines PCs bald spezielle Rechner, die äußerlich wie ein Radio aussehen, zur Verfügung stehen. Das "Radio-Weinstraße-Syndrom" ist da nicht weit.

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Wenn man unter "Internet" eine Informationsübertragung auf Basis des IP-Protokolls unabhängig von der derzeitigen Abhängigkeit vom Telefonfestnetz versteht, ist man in Bezug auf die Fragestellung dieses Beitrages keinen Schritt weiter. Mit dem Übertragungsprotokoll sind der Übertragungsweg, das Frequenzband, die Bandbreite und die Endgeräte nicht vorgegeben. Auch über DAB, immerhin ein transparenter Datenkanal, können IP-basierte Dienste übertragen werden und zwar gerade für die mobile Nutzung mit einem Rückkanal über das Mobiltelefon.

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4.3 Ist UMTS für das Radio attraktiv?

Zu den schillerndsten Begriffen der Diskussion gehört im Moment UMTS. Als einmal locker hundert Milliarden Deutsche Mark für die Frequenzen hingelegt wurden, sprach man von dem Alleskönner, der auch das bisschen Radio noch übertragen werde. Ein richtiges Konzept dafür hat aber noch niemand vorgelegt - weder technisch noch finanziell. Auch ist UMTS nicht gerade für den Rundfunk erfunden worden, sondern für die Individualkommunikation, was sich in der Sendernetzphilosophie ausdrückt. Sie ist bedeutend kleinzelliger als das in DAB überproportional teure L-Band. Und die Frequenzzuteilungsgebühren für DAB sind gemessen an dem Milliarden-Poker für UMTS geradezu "Peanuts". Folgerichtig äußerte ein Vertreter von MobilCom auf den Lokalrundfunktagen 2001 in Nürnberg, dass man mit UMTS viele schöne Sachen rund um das Radio machen kann, aber aus Kostengründen sich kein Mensch eine Stunde lang ein Radioprogramm über UMTS anhören wird. Radioanbieter werden die UMTS also nutzen, wohl in erster Linie um einzelne Informationen gegen Entgelt oder im Sinne des eigenen Marketings an den "Hörer-Club" zu verschicken. Das sind Zusätze zum Radio, aber nicht ein Ersatz für seine bisherige analoge Verbreitung.

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4.4 Verdrängt DVB-T DAB-T?

Aber Gott sei Dank haben wir Digital Video Broadcasting (DVB) als terrestrisches System, der Fachmann redet von DVB-T. Auch das ist ein transparenter Datenkanal, nur viel breiter als DAB und kann Fernsehen und andere schöne Sachen, nicht zuletzt Radio übertragen. Radio Eriwan - im Prinzip ist das richtig. Allerdings irritieren die Debatten der Insider bei DVB-T doch etwas, wenn über portable indoor oder outdoor diskutiert wird. Für das Fernsehen stimmt das ja alles, die Glotze steht irgendwo im Wohnzimmer, kann an einer fein justierten Antenne angeschlossen sein, schließlich empfängt man auch heute Fernsehen mit einer Dachantenne.

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Auf die Diskussion, ob und unter welchen Randbedingungen DVB-T auch außerhalb niedersächsischer Laborbedingungen mit höheren Geschwindigkeiten im Auto empfangbar ist, wollen wir uns an dieser Stelle nicht einlassen. Wir unterstellen einmal für eine logische Sekunde, das geht. Aber DVB-T ist immer ein Netz für das Fernsehen. Wer bezahlt, diktiert den Netzaufbau. Deutschland wird in einer ersten Bedeckung maximal 60 Sendegebiete erhalten, die weiteren Bedeckungen sind großräumiger geplant. Mit 60 Sendegebieten lässt sich lokales und regionales Radio in Deutschland auch nicht ansatzweise realisieren. So hat die Bundestagsfraktion der Grünen DAB dafür gerügt, dass hier das Lokalradio nicht den ihm gebührenden Stellenwert hat. DAB sei daher nicht geeignet, man müsse auf DVB-T warten - ein Moratorium also. Die innere Logik der Argumentation bleibt ein Geheimnis der Grünen, jedenfalls wenn man die tatsächlichen Zusammenhänge beachtet.

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4.5 Kann man UKW/MW/KW und LW digitalisieren?

Fast sieht es so aus, als sei das beste Nachfolgesystem von UKW UKW selbst, gegebenenfalls digital veredelt. Auch diese Diskussion ist nicht neu, bereits Anfang der 90iger Jahre wurde aus den USA eingewandt, das damals so bezeichnete IBOC-System löse alle Probleme. Aber auch da eilten offensichtlich die Pressemappen den technischen Fakten deutlich voraus. Die Frage, ob neben dem analogen Radiosignal Datenpakete für die parallele Ausstrahlung des Tons in digitaler Qualität - Voraussetzung für einen weichen Umstieg - im eng belegten europäischen UKW-Band überhaupt möglich ist, scheint offenbar naturwissenschaftlich nicht lösbar, sondern allenfalls der theologischen Deutung diverser Glaubenssätze zugänglich. Es gibt aber schon zu denken, dass in der Vergangenheit bei den Gehversuchen der bescheidenen digitalen Zusatzdienste nach dem Verfahren Swift/DARC in Aussicht gestellt wurde, dass das analoge UKW-Signal etwas heruntergefahren werden muss, damit insgesamt die Multiplex-Leistung die internationalen Vorgaben einhält - ein aus der Einhaltung des UKW-Hubs bekannter Vorgang. Wenn das richtig war, müsste das Argument erst recht gelten, wenn nicht digitale Rinnsale neben dem analogen UKW-Radio übertragen werden, sondern richtig dicke Datenströme, um das Radio selbst digital abzustrahlen. Für den Privatfunk mit seiner ohnehin schwachen Ausstattung mit Frequenzen ist das eine wenig einladende Aussicht, selbst wenn man entgegen den pessimistischen Annahmen im UKW-Band die notwendigen Bandbreiten für ein solches Unternehmen hätte.

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Also digitalisieren wir über die Mittelwelle? Dort muss man sich auf ein völlig anderes Ausbreitungsverhalten einstellen. Von Raumwelle, Bodenwelle und Interferenzzonen, wo beide aufeinandertreffen, erzählen die Techniker. Die Hörbeispiele der digitalen Mittelwelle im Vergleich zum analogen Signal sind imposant. Allerdings stehen in diesem Frequenzbereich allenfalls Ressourcen zur Verfügung, um ein paar neue Programme über größere Distanzen zu verbreiten. Es ist kein Konzept ersichtlich, dass das MW-Radio in die digitale Zukunft führt. Das gleiche gilt für die Kurzwelle, um deren Einführung sich Peter Senger, Chefingenieur der Deutschen Welle, sehr verdient macht. Aus seiner Sicht ist das nur folgerichtig. Auch wenn DAB oder ein ähnliches System rund um den Globus schlagartig erfolgreich eingeführt ist, wird sein Haus wohl kaum Übertragungskapazität in den Ländern erhalten, für die die Programme gemacht werden - und selbst wenn, man wird das auf keinen Fall bezahlen können. Die Digitalisierung der Kurzwelle mit der Möglichkeit eines sanften Umstiegs des jeweiligen Nutzers vom analogen zum digitalen Radio in fernen Ländern ist daher folgerichtig. Eine Lösung für die hiesigen Radiomärkte ist das nicht.

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4.6 Mobiles Radio direkt vom Satelliten?

Inwieweit Satellitensysteme zukünftig an Bedeutung gewinnen, ist derzeit Spekulation. Die Vielfalt der derzeit etwa über Astra empfangbaren Radioprogramme ist überwältigend. Eine messbare Bedeutung für die Hörfunkmärkte hat das angesichts des konkreten Nutzungsverhaltens aber nicht. WorldSpace will das ändern und den Satellitendirektempfang ermöglichen. Das Projekt ist in erster Linie darauf ausgerichtet, in dünn besiedelten Gebieten wie etwa in Entwicklungsländern mit fehlender Infrastruktur Radioprogramme zur Verfügung zu stellen. Etwas andere Ansätze verfolgen Systeme, die ein satellitengestütztes DAB-ähnliches System einführen wollen und auf eine zukünftige mobile Empfangbarkeit setzen, wie etwa Global Radio in Luxemburg. Man hat zunächst die Bedürfnisse der Autoindustrie und der Verkehrstelematik im Auge. Wann und wie und zu welchen Konditionen ein Küchenradio versorgt werden kann, wissen die Strategen nicht. Dieser Meilenstein der Digitalisierung des Radios ist ihnen auch egal, geht es ihnen doch im Moment darum, Geschäftsmodelle für den mobilen Kunden zu erfinden.

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5 In jedem Fall wird sich der Hörfunkmarkt gewaltig ändern

Bevor einen der Trübsinn bei diesem Thema befällt, dann doch der Versuch einer nüchternen Zusammenfassung. Neue digitale Übertragungsformen haben Einfluss auf den Radiomarkt, auch wenn dieser zunächst nicht selbst digitalisiert wird. Die UKW-Idylle wird nicht aufrecht zu erhalten sein, auch wenn man DAB "erfolgreich" verhindert. Einzelne Inhalte, die bislang den Servicecharakter des Radios ausmachen, können auch von neuen Diensten angeboten werden. Der Hörfunk muss sich inhaltlich anpassen. Sein Schwerpunkt ist nicht der beste Musik-Mix: Radio begleitet seine Hörer durch den Tag, ist immer für sie da, ganz ohne Downloadzeit und Zugriffsberechtigung. Der Claim einer spanischsprachigen Station drückt das hervorragend aus: Mas Compañia. UKW leistet das gegenwärtig sehr gut. DAB könnte das leisten, wenn auch mit deutlichen Änderungen am Radiomarkt. Alle übrigen Techniken, die in der laufenden Diskussion genannt werden, nutzen dem Radio wenig. Also doch mehr für das DAB-Marketing tun?

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Notwendig ist eine Diskussion über den Tellerrand der nächsten Quartalsergebnisse hinaus. Wohin will man die Gattung Radio führen? Und sieht man es als einen Vorteil an, dass im Radio mittelständische Unternehmen tätig sind, während das im Fernsehen längst nicht so der Fall ist. Wie würde sich das ändern, wenn man für das Radio auf Systeme setzt, die es zur bloßen Randnutzung des Fernsehens degradieren?

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Zitiervorschlag:
Ory, DAB, MP3 - Neue Technologien (in) der Radiozu(ku)nft, http://www.medienpolizei.de, Dok. 008, Rz. n.